Text Marius Gränicher, Rektor
Beitragsbild Malin Van Veeren
Liebe Freund:innen des Gymnasiums Thun
Liebe Leser:innen
«Förderung des vernetzten Denkens und des fachübergreifenden Wissens» – eine Forderung an die gymnasiale Bildung, die nicht erst mit dem neuen Maturitätsanerkennungsreglement und dem eidgenössischen Rahmenlehrplan (beide in Kraft seit dem 1. August 2024) an die Schulen gestellt wird. «Kompetenzerwerb aus einer transversalen Sicht erfolgt dann, wenn fachspezifisches und fachübergreifendes Wissen zum Erkennen von Zusammenhängen und zur Lösung von Aufgaben sowie zur Bewältigung von Lebenssituationen in für die gymnasialen Bildungsziele relevanten Funktionsbereichen angewendet wird.» So ist es im neuen eidgenössischen Rahmenlehrplan für die Gymnasien etwas kompliziert formuliert. Ob es eine verpasste Chance ist, dass auch die zukünftige gymnasiale Ausbildung immer noch im relativ starren und rigiden Fächerkanon und in einem Lektionenkorsett von 45 Minuten daherkommt, darüber kann gestritten werden. Tatsache ist, dass fächer- und themenübergreifender Unterricht sowie entsprechende Projekte eine lange Tradition an den Gymnasien haben und tendenziell immer wichtiger werden. Themen, bei denen wir uns von unserer an Berufs- und Mittelschulen ausgebildeten jungen Generation Unterstützung bei der Lösungsfindung erhoffen, sind per se interdisziplinär; ob es um den Umgang mit dem Klimawandel, die Herausforderung ungleicher Ressourcenverteilung, der daraus resultierenden Migration oder um die Verteidigung demokratischer Werte geht. Fachübergreifendes Denken und Teamarbeit sind unabdingbare Erfolgsfaktoren. Deshalb werden diese überfachlichen Kompetenzen auch am Gymnasium geübt und gelebt.
Im vorliegenden «JahrAus», unserem elektronischen Jahresbericht, finden Sie viele Beispiele von Vernetzungen, disziplinübergreifenden Projekten und überfachlichen Momenten im Schulalltag 2023/2024. So finden Sie beispielsweise einen Konzertbericht zu einem besonderen Chor- und Orchesterauftritt – dem letzten mit Hans-Peter Gilgen –, an dem über 100 Schüler von GYM und FMS aktiv waren und bei dem verschiedene Musikstile von George Gershwin über Freddie Mercury bis hin zu Randall Thompson vernetzt und verwoben wurden.
Am TecDay 2024 hatten über 500 Schüler:innen dank unserer organisierenden MINT-Fachschaften und mit Unterstützung der Schweizerischen Akademie der technischen Wissenschaften die Gelegenheit, in selbstgewählten Workshops Einblick in aktuelle Forschungsgebiete im Bereich der technischen Wissenschaften zu erhalten. Aus solchen Sonderveranstaltungen entstehen oft auch Ideen zu Matura- und selbständigen Abschlussarbeiten, die wissenschaftspropädeutischen Charakter haben und nicht selten Anerkennung von Gremien und Organisationen wie «Schweizer Jugend forscht» erhalten. Sie finden drei Abstracts von besonders eindrücklichen Abschlussarbeiten im aktuellen «JahrAus».
Im Rahmen des Unterrichts im Fach Bildnerisches Gestalten bei Katharina Karras arbeiteten drei Klassen unserer FMS im ersten Schulhalbjahr an einem Design-Thinking-Projekt, bei dem Lernmedienentwickler «LerNetz» und die Firma Samsung kooperierten. Die sogenannte «Corporate-Citizenship-Initiative» ist ein globaler Wettbewerb, der innovatives Denken, kreative Problemlösung und Teamarbeit fördert, um Ideen für nachhaltige Innovationen zu generieren, die helfen, die Herausforderungen unserer Gesellschaft zu lösen. Dabei haben die Jugendlichen wichtige «Future Skills» von Prototyping bis Pitching erlernt. Im Rahmen dieses Wettbewerbs hat die FMS-Klasse 25fB beim Bildungsprogramm «Solve for Tomorrow» von Samsung Schweiz den ersten Preis gewonnen. Mit ihrem Projekt, das Jung und Alt mit einer digitalen Lösung in Form einer App zusammenbringt, haben die Schüler:innen die Jury überzeugt. Sie setzten sich gegen 29 andere Schulklassen durch, die ebenfalls am Bildungsprogramm teilgenommen hatten, das im Schuljahr 23/24 nach «innovativen Lösungen für das Zusammenleben der Zukunft» suchte. Sie finden in diesem «JahrAus» eine Videopräsentation der prämierten App.
Vernetzen heisst also auch, zusammen mit Bildungspartnern und ergänzend zum klassischen Unterricht Angebote und Initiativen zu organisieren und zu nutzen, die unseren Schüler:innen Möglichkeiten bieten, moderne und innovative Forschungs- und Anwendungsgebiete einzelner Disziplinen kennenzulernen. Dabei wird den Schüler:innen klar, dass es nicht nur ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Akteuren aus verschiedenen Disziplinen mit verschiedenen «Skills» braucht, sondern dass Grundlagenwissen in den einzelnen Bereichen und Fächern unabdingbar ist. Dadurch wird auch deutlich, weshalb das Arbeiten mit Funktionen und Grafen im Mathematikunterricht, das exakte Arbeiten im Chemielabor oder das Verstehen von grundlegenden Informatikanwendungen die Basis für das Verständnis wissenschaftlicher Arbeit und damit eine Grundvoraussetzung für ein Universitäts- oder Fachhochschulstudium ist.
Dass man das Thema «vernetzt» auch künstlerisch angehen kann, zeigte das «Prima-Projekt» der Schwerpunktfachklassen im Bildnerischen Gestalten. Überhaupt verbindet und vernetzt das Künstlerische an unserer Schule Wissenschaft und Kreativität immer wieder in innovativen Projekten: So schwitzte König Ödipus dank der Theatergruppe im Fitnessstudio auf der Bühne des KKThun. Unsere Theater- und Musiklehrpersonen Erich Binggeli, Sam Linder und Christa Gerber brachten diesen literarischen Klassiker dank der Theateradaptation von Bodo Wartke auf eine gleichermassen unterhaltsame wie tiefgründige Art dem Publikum näher.
Aber nicht nur die alten Griechen, sondern auch die Römer haben uns heute noch einiges zu sagen: Die Lateinschüler:innen der 26g befassten sich im letzten Schuljahr unter anderem mit einem Hendecasyllabus – einem Elfsilbler des Dichters Gaius Valerius Catullus, einem Neoteriker des ersten Jahrhunderts v.u.Z. Ihre Interpretation des Textes gipfelte in der grundsätzlichen Fragestellung, wann ein überschwängliches Lob seinen Wert verliert und in eine besondere Form der Beleidigung umschlägt. Analogien zur Gegenwart scheinen hier einige vorhanden zu sein. So kann der Lateinunterricht Vergangenheit mit aktuellen Fragestellungen der Gegenwart vernetzen.
Als eine von 63 Swiss Olympic Partner Schools garantieren wir eine optimale Vernetzung von Schule, Sport und sozialem Umfeld für unsere Leistungssportler:innen. Dass der Sport prädestiniert ist, verschiedene überfachliche Kompetenzen wie Koordination, Teamfähigkeit oder Durchhaltevermögen zu fördern, ist bekannt. Die Beiträge zum Sporttag und zur Schneesportwoche zeigen zudem einen kleinen Ausschnitt der Vielseitigkeit der sportlichen Aktivitäten an unserer Schule.
Die vielfältigen Beiträge im neuen «JahrAus» geben Ihnen in Form von Texten, Ton- und Videobeiträgen einen repräsentativen Einblick in die vielfach vernetzte Arbeit an unserer Schule. Dabei ist sowohl die Vernetzung der Bildungsinhalte einzelner Fachbereiche als auch diejenige mit Bildungspartnern wichtig, seien es andere Gymnasien, abnehmende oder abgebende Institutionen der Sek1 respektive der Hochschulen oder Firmen. Die präsentierten Beiträge stimmen mich als Schulleiter optimistisch, dass wir mit unserer Vernetzungsarbeit auf dem richtigen Weg sind.
Ach ja: Apropos Optimismus. Es gibt viele Gründe, auch in unserer Zeit mit den zahlreichen Krisen und Herausforderungen optimistisch zu sein. Gerne empfehle ich Ihnen, die Maturaaufsätze von Ronja Graf und Lena Schmid zum Thema Pessimismus zu lesen – sie werden Sie optimistisch stimmen! Viel Freude bei der Lektüre dieser und der anderen Texte und Beiträge im neuen JahrAus. Danke für Ihr Interesse am Geschehen an unserer Schule. Wir freuen uns, dass wir Sie zum Netzwerk unserer Schule zählen dürfen.

















































