Zwei Beispiele von Maturaufsätzen im Fach Deutsch zum Thema «Pessimismus».
Text Ronja Graf, Lena Schmid
Beitragsbild Adobe Stock
Es ist heiss, es ist Mittag, es ist Montag. Ronja Graf und Lena Schmid deponieren entschlossen die unterschriebene Fassung ihres Deutsch-Maturaufsatz: Durchatmen!
Was sie nicht wissen: Sie beide haben sich dafür entschieden, einen Essay zum selben Thema zu schreiben. Folgende drei Zitate haben sie in den letzten vier Stunden beschäftigt:
«Pessimismus ist ein Luxus, den sich nur die Bequemen leisten können.» (Robert Anton Wilson, Bestsellerautor und Anarchist)
«Pessimismus ist Optimismus auf lange Sicht.» (Georg Kreisler, Troubadour und Liedermacher)
«Pessimismus ist Feigheit» (Johannes Hartl, Leiter des Gebetshauses Augsburg, in einem Artikel zur Corona-Berichterstattung)
Ein Thema, zwei Texte. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch haben Sie eines gemeinsam: Liest man sie, bleibt Pessimismus nicht mehr die einzige Option, in die Zukunft zu schauen.
Trau dich doch! (Ronja Graf)
Wir sitzen auf einer Bank. Sie hält ihr Handy in der Hand, auf das wir nun beide schauen. Was darauf zu sehen ist, wissen wir beide nur halb. Wichtig ist nur, dass sich ein paar Meter neben uns jemand befindet, den meine Freundin schon länger toll findet. «Und?», frage ich. Sie weicht meinem Blick aus. «Wir schreiben schon länger nicht mehr», antwortet sie. Sie lächelt etwas schief. «Es hat sich irgendwie so ergeben.» Sie zeigt mir die Nachricht, die er ihr zuletzt geschrieben hat. Sie hat das Gespräch einfach ausklingen lassen. «Er hat mir ja auch nicht mehr geschrieben. Wenn er mich wirklich mögen würde, würde er sich ja selber melden. Aber hat er nicht. Vielleicht war ich ihm nicht hübsch genug. Jedenfalls ist es wahrscheinlich gut so, dass wir nicht mehr reden. Und dann lass ich ihn lieber in Ruhe.»
«In Ruhe lassen» war früher nie eine Option. Als Kind hatten meine Freundin und ich verrückte Ideen. Im Kindergarten schmiedeten wir Pläne über Zirkusshows und Theateraufführungen, die wir machen wollten, und über Songs, die wir schreiben wollten. Nicht ein einziges Mal habe ich meine Eltern sagen hören, das sei unrealistisch. Eine Zirkusaufführung gab es nie, aber als wir eines Tages in der sechsten Klasse beschlossen, ein Theater selbst zu schreiben und mit unserer Klasse aufzuführen, kam es tatsächlich dazu.
Wir trafen uns also, ich schrieb ein Skript, wir fragten Lehrer und Lehrerinnen, ob wir während ihrer Lektionen unser Theater üben dürften und wir nähten im textilen Gestalten Kostüme dafür. Unser Theater dauerte nur eine halbe Stunde, aber das Publikum lachte laut und bis heute ist dieses Theater vielleicht eines der Dinge, auf die ich in meinem Leben am stolzesten bin.
Als wir das Theaterstück schrieben, dachte ich gar nicht darüber nach, dass ich mich damit blamieren könnte, oder dass das Ganze nicht funktionieren könnte. Ich wusste nur, dass ich mir Mühe geben musste. Heute würde ich niemals etwas Ähnliches versuchen.
Ich denke oft an die Dinge, die ich nie versuchen werde. Statt Mathe habe ich Musik als Ergänzungsfach gewählt, weil ich angenommen habe, ich sei zu dumm für Mathe. Bei meinem letzten Test habe ich nicht viel investiert, weil ich davon ausging, dass ich die Note, die ich bräuchte, um meinen Notendurchschnitt zu verbessern, ohnehin nicht erreichen könnte.
Zugegebenermassen hat mir mein Pessimismus wahrscheinlich einiges an Zeit gespart. «Ich bin nicht feige, ich bin effizient», denke ich, wenn ich mal wieder den ganzen Weg abbreche, um eine Hürde nicht nehmen zu müssen. Meine Freundin und ich hüten uns vor Enttäuschungen. Sie, weil sie der Person, die sie mag, nie ihre Gefühle gestehen wird; ich, weil ich nicht für die nächste Prüfung lerne: «Pessimismus ist Feigheit» (Johannes Hartl, Leiter des Gebetshauses Augsburg, Titel eines Kommentars, der sich mit der Corona-Berichterstattung befasste).
Wir sind nicht so effizient, wie wir denken, wir haben beide einfach nur Angst.
«If you can dream it, you can do it», teilen uns die Sprüche auf den T-Shirts im H und M mit. «Sprich ihn doch einfach an», sage ich zu meiner Freundin. «Früher hast du dich das doch noch getraut», sagt mein Vater. Ja, früher, als ich noch zehn war. Warum habe ich mich damals getraut?
Kindern wird heutzutage eine Art intrinsischer Wert zugeschrieben. Man soll sie beschützen, sie so akzeptieren, wie sie sind. Kinder können nicht so viel dafür, wenn sie etwas falsch machen. Kinder sind mehr als ihre Leistungen, sie haben noch Potential. Jetzt sind wir nur noch das, was wir liefern. Manchmal verstehe ich nicht ganz, warum ich mit zwölf wertvoller war als jetzt.
Als ich älter wurde, schien es mir manchmal so, als wären immer mehr Augen auf mich gerichtet. Als ich 13 wurde, erhielt ich zum ersten Mal Kommentare darüber, was ich anzog, wie ich sprach oder wie meine Leistungen ausfielen. «Kämmst du deine Haare überhaupt?» «Wenn ich du wäre, würde ich Jeans statt Leggings tragen. Du siehst aus wie ein Strassenpenner» «Du siehst aus, als wärst du erst zehn» «Sie ist irgendwie komisch».
«Aber warum bist du so schüchtern?»
Ich glaube, so ging es damals vielen. Auch meiner Freundin. «Warum traust du dich denn nicht mehr?», fragt mich mein Vater und ich kann es ihm nicht genau sagen. Ich glaube einfach nicht mehr daran, dass ich alles schaffen kann.
So wie meine Freundin. Sie findet, sie habe in den letzten zwei Jahren ein bisschen zugenommen, sei schlechter in der Schule geworden. Ihre angeborene Überzeugung, jeder könne sie lieben, die sie hatte, als sie in der sechsten Klasse ihren Schwarm nach seiner Handynummer fragte, hat sie kaum noch. Vielleicht, weil ihre Lehrerin ihre Aufsätze nicht mehr so toll findet; vielleicht, weil ihre Mutter ihr manchmal das Gefühl gibt, sie sei unsichtbar. Es ist, als hätte die Linse, durch die sie die Welt sieht, an Sättigung verloren. Alles ist ein bisschen negativer, ein bisschen aussichtsloser, ein bisschen weniger wert, Arbeit hineinzustecken.
Pessimismus bedeutet, von zwei Interpretationen die negativere zu wählen. Wenn ich mich mit meiner Psychologin treffe, versuchen wir, diese schlechten Denkmuster zu ändern. Ich soll denken «Ich schaffe das» oder «Ich bin schön genug» statt «Ich bin nicht gut genug». Sie nennt das «kognitive Verhaltenstherapie». Ich habe gelernt, dass die schlechten Gedanken eben nicht immer die wahren Gedanken sind. Ich soll sie nicht mehr denken, weil sie mich unglücklich machen.
Und doch: In meinem Umfeld scheint ein wenig Pessimismus manchmal angebracht zu sein. «Sag das lieber nicht. Die finden das eh nicht lustig», denke ich mir, als ich mit ein paar Freundinnen zusammensitze. Drei Sekunden später macht jemand den Witz, den ich hätte machen wollen. Niemand lacht. «Tja», denke ich etwas schnippisch und bin zufrieden, weil ich wusste, dass die anderen das nicht lustig finden würden. Ich fühle mich so, als wäre ich der Person, die den Witz gemacht hat, überlegen. Aber ich hätte auch nichts gesagt, wenn es wirklich lustig gewesen wäre: Ich hätte einfach angenommen, dass Witz sei nicht lustig.
Wenn ich meinen Bruder anschaue, denke ich, er könnte etwas mehr Pessimismus vertragen: Er lernt nicht, weil er vielleicht zu optimistisch ist. Jetzt ist er mit seinen Noten ziemlich knapp dran. An seiner Stelle hätte ich mir bereits das Schlimmste ausgemalt und unter extremem Stress mit Lernen begonnen. Aber er sieht das ganz entspannt. «Ab jetzt lerne ich einfach ein bisschen mehr», sagt er schulterzuckend. Ich würde mich sicherer fühlen, wenn er etwas mehr Angst hätte. Aber am Ende hat er doch recht und als ich von der Schule nach Hause komme, treffe ich ihn am Esstisch, während er an seiner Biologiezusammenfassung arbeitet.
Vielleicht ist er gar nicht zu optimistisch, sondern einfach realistisch. Wir Pessimisten und Pessimistinnen bilden uns oft ein, Realisten und Realistinnen zu sein. Unser getarnter Pessimismus ist Rechtfertigung und Auslöser zugleich für unseren fehlenden Mut. Der Grund, wieso ich an Stelle meines Bruders schon Angst bekommen hätte, ist, dass ich mir einfach nicht zutraue, in kurzer Zeit noch die ausreichende Leistung zu bringen. Und auch, weil die Gefahr der Situation, nämlich ein Jahr wiederholen zu müssen, meinem Selbstwert vermutlich grossen Schaden zufügen würde. Schliesslich bin ich das, was ich leiste.
«Trau dich doch einfach, ihm nochmal zu schreiben», sage ich zu meiner Freundin, als wir auf der Bank sitzen. Eigentlich ist es ja ganz einfach. Sie sollte mehr an sich selbst glauben. Sie kuckt ein bisschen genervt und ich weiss warum. Ich weiss auch, warum sie ihm nicht schreibt. Pessimismus hält meine Freundin und mich klein, aber das ist ganz normal. Schliesslich müssen wir oft klein sein. Das haben wir so gelernt. Trotzdem sollen wir gross denken. Das sagt zumindest das T-Shirt vom H&M.
Die Mauern, die der Pessimismus uns baut (Lena Schmid)
Ich stelle mir eine Folge aus der Arena vor. Musik ertönt. Helles Scheinwerferlicht. Die Gäste des Abends werden vorgestellt: Robert Anton Wilson, Bestseller-Autor und nebenbei Anarchist; ihm gegenüber Georg Kreisler, Troubadour und Liedermacher. Der Dritte im Bunde wäre Johannes Hartl, Leiter des Gebetshauses in Augsburg. Komplettiert würde die Runde von einem normalen Schweizer Bürger, geboren in Bern, dann nach Köniz gezogen, zuletzt wohnhaft in Bümpliz. Der Moderator käme herein, das Publikum stünde auf, höflicher Applaus in der Runde. «Kommen wir nun zur Frage dieses Abends», würde der Moderator feierlich verkünden, «wir diskutieren heute über den Pessimismus und was er mit uns macht». Da sitzt nun eine kleine Version meines Ichs, vor meinem imaginären Fernseher auf meinem imaginären Sofa, in meinem Kopf, Zuschauer im Schauspiel meiner eigenen Imagination. Ich sehe, wie ich dasitze, gespannt, was die klugen Leute sagen werden, bereit, mir die eine oder andere Meinung zu klauen. Ich ertappe mein kleines Ich auf dem Sofa dabei, wie es denkt: «Da wird doch bestimmt nichts Intelligentes gesagt werden.» Es steht auf und läuft davon. Und mein beobachtendes Ich denkt: «Der Pessimismus ist das Gefängnis, in dem die Schweizer Gesellschaft verkümmern wird».
Ich zwinge mein kleines Ich wieder vor den imaginären Fernseher. Der Moderator beginnt nun, die Hintergründe des Pessimismus zu erklären und ich kann nicht anders, als mich zu fragen, was Pessimismus eigentlich ist. Der Moderator erzählt etwas von einem halbvollen und einem halbleeren Glas – und klar: jeder der schon irgendeinmal etwas mit Philosophie zu tun hatte , kennt diesen Vergleich. Der Pessimist betrachtet das eine Glas immer als halb leer, der Optimist hingegen als halb voll. Aber ist das wirklich alles? Kann man Pessimismus so einfach definieren? Das scheint mir ein bisschen pessimistisch zu sein – eine zu einfache Antwort auf eine zu einfache Frage. Also schicke ich mein kleines Ich vom Sofa ins Archiv meines Grosshirns, um meine eigene Definition von Pessimismus zu finden. Demotiviert schlurft es durch die Gänge meines Grosshirns, nicht im Geringsten bemüht, etwas zu finden – und findet nichts. Ich mache mich deshalb selbst daran, Pessimismus zu ergründen. So erinnere ich mich an eine Zeit, in der mir nichts unmöglich schien und die Welt mir offenstand.
Tut sie das eigentlich immer noch? Das ist gerade irrelevant, zurück zum Punkt. Ich erinnere mich zurück an die USA, an einen Tag im Oktober. Ich trainierte zu dieser Zeit seit einem Monat intensiv den Mittelstreckenlauf; die Resultate widerspiegelten langsam die unzähligen Stunden harter Arbeit, die ihnen vorangingen. An diesem Dienstagmorgen sitzen wir im Teamraum und besprechen das nächste Rennen. «Was sind eure Ziele für das nächste Rennen», fragt uns der Trainer. An dieser Stelle bitte ich Sie, verehrte Leserschaft, sich kurz zu fragen, was Sie meinem Trainer geantwortet hätten. Was hätte Ihr kleines Ich zu Ihnen gesagt? Ich bin mir ziemlich sicher, dass den meisten von Ihnen so etwas in den Sinn gekommen wäre: «dass ich alles gebe» oder «dass ich Spass habe». Vielleicht aber auch, «dass ich Andere zu besseren Resultaten motivieren kann.» Mein kleines Ich in meinem Kopf, welches es sich schon damals mit einer Schweizerfahne als Decke auf dem Sofa gemütlich hatte, meinte: «Wir halten durch, auch wenn es anstrengend wird.» Auf den Ersten Blick erscheinen all diese Statements doch sehr akzeptabel, alle diese Aussagen haben einen positiven Kern. Trotzdem, während all diese Aussagen positiv formuliert sind, so ist doch keine dieser Aussagen wirklich messbar. Am Schluss des Rennens wird für niemanden ersichtlich sein, ob dieses Ziel erreicht wurde. Ich verstehe nun rückblickend, dass Pessimismus oftmals im Optimismus zu finden ist, der Pessimismus sich darin versteckt, damit er ja nicht erkannt werde. Ich erkenne nun, dass Pessimismus das Resultat der einer Angst vor dem Versagen ist. Ich war damals keine Ausnahme. Dieses Phänomen, dass man sich lieber keine messbaren Ziele setzen will oder viel zu tiefe, kann in der Schweizer Gesellschaft täglich beobachtet werden. In der Schule zum Beispiel schätzt sich bei der Selbsteinschätzung niemand auf eine 6. Niemand will zu hohe Erwartungen an sich selbst stellen, die dann nicht erreicht werden können: Niemand will schliesslich ein Verlierer sein. Pessimismus bedeutet also, das Risiko des Versagens gar nicht erst einzugehen. Schon Johannes Hartl sagte: «Pessimismus ist Feigheit.»
Ich komme von meiner kleinen Gedankenreise zurück und finde mein kleines Ich wieder vor dem Fernseher. Die Diskussion ist jetzt in vollem Gange. Ich höre gerade, wie Georg Kreisler ausruft: »Pessimismus ist nur Optimismus auf lange Sicht.» Der normale Schweizer Bürger mischt sich nun auch ein: »Etwas Pessimismus ist doch eigentlich nur ernstgenommener Realismus.» Mein kleines Ich nickt zustimmend. Der Schweizer sagt weiter: «Wo wären wir denn heute, wenn wir hoffnungslos dem Optimismus verfallen würden? Mit diesem Mindset würden wir die Klimakrise als praktisch gelöst ansehen, Krieg wäre auch nicht so schlimm, es käme ja dann schon alles gut. Aber dem ist nun mal nicht so! Niemand würde Probleme mehr ernst nehmen, wo kämen wir denn da hin?». «Genau! Man muss pessimistisch sein, um auf lange Sicht optimistisch bleiben zu können», bestätigt Georg Kreisel.
Ich frage mich: Ist dem so? Würde sich die Gesellschaft mit Optimismus einfach nur selbst blenden, sich die Möglichkeit nehmen, etwas zu verändern, sich gar darin einsperren? Ergründen wir dies doch gerade an einem der oben genannten Beispiele: der Klimakrise. Wenn Sie in den letzten zehn Jahren einmal Zeitung gelesen oder die News gesehen haben, dann wissen Sie: Es ist ernst. Das Meer erwärmt sich, die Polkappen schmelzen, Tiere sterben aus. Die Veränderung scheint unaufhaltsam. Täglich wirkt die Situation etwas hoffnungsloser, und äusserst selten hört man von positiven Veränderungen, die versuchen, diese Entwicklung zu stoppen. Uns sollte eigentlich klar sein, dass die Berichterstattung realistisch ist, teils gar optimistisch. Es wird andauernd von den maximalen 1.5° Grad Celsius Erwärmung gesprochen, doch scheint dieses Ziel derzeit weit weg vom Möglichen zu liegen. Würde künftig nun nicht realistisch oder optimistisch, sondern pessimistisch berichtet, so wäre das doch nicht feige, sondern eher ein Akt des Mutes. Die Bedrohung in ihrer schlimmsten Form anzuerkennen, würde Courage erfordern. Diese vermag der Grossteil der Gesellschaft wohl nicht aufzubringen. Hier scheint eher der Optimismus die Feigheit, der sich damit zufriedengibt, dass schon alles gut kommen wird und man sich keine Sorgen zu machen braucht. Wenn wir also an die Aussage von Johannes Hartl zurückdenken, dann ist hier Pessimismus nicht Feigheit, sondern genau das Gegenteil.
Bedeutet dies nun, dass Johannes Hartl falsch liegt? Nein, nicht zwingend. So wäre doch der Optimismus, welcher hier angewendet wird, auch wieder versteckter Pessimismus. Einfach davon auszugehen, dass alles gut wird, ist vergleichbar mit der Aussage, nichts komme gut. Mit solchen Aussagen distanziert man sich von der eigenen Handlungsfähigkeit; man geht davon aus, keine Möglichkeit zu haben, etwas am Geschehen zu ändern. Das Schicksal handelt hier für uns und wir sind einfache Spielfiguren im Spiel des Lebens – unser Wohlergehen einzig und allein abhängig vom Würfelglück des Schicksals. Aber das kann nicht die ganze Wahrheit sein. Wir können immer etwas verändern, wir können immer etwas dafür, was passiert. Also warum halten wir so am falschen Optimismus fest? Weil wir zu feige sind, etwas zu wagen und Angst haben, vielleicht beim Versuch etwas zu verändern zu scheitern.
Zurück in der Arena meldet sich nun auch Robert Anton Wilson zu Wort: «Was der Schweizer Bürger gesagt hat, stimmt schon: Falscher Optimismus bringt nichts. Jedoch ist Pessimismus ein Luxus, der sich nur die Bequemen leisten können.» Mein kleines Ich schaut den Fernseher verdutzt an. Ich sehe, wie es in seinem Hirn rattert. Meines rattert. Plötzlich sitze ich auf der Couch, ich bin mein kleines Ich. Und mir wird etwas bewusst: Ich bin eine Meisterin der Selbstmanipulation, ich stehe mir immer selbst im Weg, die Stimme des inneren Schweinehundes bin ich. Dieser ist immer etwas lauter als das Potenzial meiner Möglichkeiten. Ich, die schon seit Jahren bequem auf dem Sofa sitzt, die so gern vom Pessimismus philosophiert, ohne selbst etwas Optimismus zu wagen. Ich, die versucht, den Schulden meiner verpassten Möglichkeiten zu entfliehen, da ich in diesem Moment gerade nicht den Optimismus hatte, den Chancen hinterher zu jagen. Ich bin mein eigenes grösstes Hindernis, darum sitze ich nun hier, gefangen im Gefängnis des Durchschnitts, da ich den Optimismus nicht hatte, auszubrechen. Warum habe ich bisher all mein Kapital darauf verschwendet, mir den Pessimismus leisten zu können, wenn ich doch die Möglichkeit hatte, optimistisch zu sein?
Ich bin nicht die Einzige, die von diesem Phänomen betroffen ist. Nicht selten beugt sich die Schweizer Gesellschaft dem Pessimismus, aus Angst mit dem Optimismus zu versagen. Sie werden nie einen Schweizer sagen hören, er sei stolz auf die Art und Weise, wie wir die Corona-Krise gemeistert haben: Es hätte ja sicher noch einen besseren Weg gegeben. Sie werden nie einen Schüler in der Schule antreffen, der sich in seiner Selbsteinschätzung eine 6 gegeben hat – es wäre ja peinlich, wenn es dann nicht so wäre und überhaupt: so gut ist er ohnehin nicht. Sie werden auch nie einen Schweizer hören, der mit dem schweizerischen Bahnsystem prahlt: Dieses ist ja nicht immer pünktlich und absolute Pünktlichkeit sei sowieso nicht zu erreichen.
Würden wir dies tun, müssten wir uns mit unserer eigenen Niederlage auseinandersetzen, wenn etwas anders eintrifft, als vom Optimismus behauptet. Wir sperren uns ein in die Möglichkeit, unsere Ziele nicht zu erreichen. Deshalb setzen wir sie uns gar nicht erst oder wenn, dann stecken wir sie uns viel zu tief. Und wenn wir sie doch erreichen, diese Pseudoziele, dann sind wir nicht einmal stolz darauf. So verpassen wir die Chance zu entdecken, wie gut wir sein könnten. Wir verkümmern im Gefängnis des Durchschnittes, weil wir nicht den Mut haben auszubrechen. So hätte der Schweizer in der Arena vielleicht mit etwas mehr Optimismus den Mut, weiter weg zu ziehen und nicht sein ganzes Leben im Umkreis von 50 km seines Geburtsortes zu verbringen. Der Schüler würde sich vielleicht in der Selbsteinschätzung eine 6 geben und diese auch vom Lehrer bekommen und der Schweizer wäre stolz auf sein Bahnsystem und würde deshalb ein noch besseres Fahrplansystem entwerfen wollen. Ob diese Ziele dann auch erreicht werden, ist letztlich zweitrangig. Es zählt vielmehr, überhaupt gewagt zu haben. Optimismus wird nie angenehm sein, denn sich konstant herauszufordern, benötigt viel Energie und Durchhaltevermögen. Jedoch wurde noch nie jemand ohne Versagen erfolgreich: Was wäre Erfolg schon, ohne vorhin gelitten zu haben? Darum lasst uns optimistisch sein, lasst uns leiden und lasst uns danach unsere Erfolge auch feiern. Lasst uns aus dem Gefängnis ausbrechen, worin falscher Optimismus und Pessimismus uns gefangen hält, und lasst uns ausbrechen aus den Mauern der Normalität.

















































